Trainingslehre
Wissenswertes zum Thema 'Training in der Leichtathletik'
Laufen, nicht Denken
Haben Sie sich während eines Laufwettkampfs schon öfter gefragt, warum sie sich das antun? Sie kennen vielleicht diese Gedanken, wenn es richtig anstrengend wird, vor allem in der Mitte eines 10km-Laufs oder eines Halbmarathons. Dabei ist die Lösung so einfach: Denken Sie einfach nicht…

Der Mensch kennzeichnet sich durch viele Wesensarten. Die wichtigste Eigenart des Menschen ist es, dass wir über unser Tun und Handeln nachdenken können. Dies führt oft zu der eigenartigen Situation, dass Menschen Dinge in Frage stellen, die sie eigentlich selbst für sich entschieden hatten, so auch die Teilnahme an Wettkämpfen.

Obwohl sich Läufer und Läuferinnen wochen- und monatelang auf einen Wettkampf vorbereiten und freiwillig an diesem teilnehmen, scheitern viele Athleten kurz vor dem Ziel an ihrem Kopf. Kurz nach dem Start läuft noch Alles bestens, die Beine fühlen sich gut, die Anstrengung hält sich in Grenzen. Doch spätestens nach der Hälfte des Wettkampfs wird es richtig hart. Die Beine schmerzen, das Herzkreislaufsystem läuft auf Volllast und das Anstrengungsgefühl wird langsam unangenehm. Hier schaltet sich dann bei vielen Menschen der Kopf ein. Man überlegt, worin der Sinn dieses „Sich-Selbst-Quälens“ liegt. Man stellt die Teilnahme am Wettkampf in Frage. Man(n) oder Frau denken darüber nach, dass es doch viel einfacher wäre, das Tempo jetzt zu drosseln um mit weniger Schmerzen weiter zu laufen. Und spätestens dann, wenn diese Gedanken im Kopf auftauchen, ist die Bestzeit dahin. Zudem scheint es, als ob man das Laufen verlernt hat, man läuft nicht mehr rund und denkt über jeden Schritt nach.

Nachdenken verboten

Die Lösung für dieses Problem klingt nun sehr einfach, aber es ist nur sehr schwer in die Tat umzusetzen: Denken Sie einfach während eines Wettkampfs nicht. Wenn Sie aber schon einmal versucht haben, an Nichts zu denken, dann wissen Sie, dass dies unmöglich ist. Spätestens wenn man sich daran erinnert an Nichts zu denken, dann denkt man genau an das, woran man eigentlich nicht denken wollte.

Einen ganz anderen Lösungsweg gibt es nun von der Fakultät für Sportwissenschaften an der Technischen Universität München. Die Forscher um Prof. Dr. Jürgen Beckmann haben erste Hinweise darauf, dass man sein Gehirn mit einfachsten Methoden austricksen kann.

Die Angst vor dem Elfmeter

Vor der Fußballweltmeisterschaft widmete sich Prof. Beckmann folgendem Thema: Die Angst des Schützen vor dem Elfmeter. In der Geschichte des Fußballs wurden viele wichtige Spiele durch das Elfmeterschießen entschieden. Doch was unterscheidet den sicheren Elfmeterschützen von einem Unsicheren? Dazu untersuchten die Forscher 20 Sportstudenten. Die Probanden wurden also aufgefordert, einige Elfmeter zu schießen. Zusätzlich wurde in einem Fragebogen ermittelt, ob die Studenten eher aus dem Bauch heraus Entscheidungen fällen oder eher analytisch vorgehen, das heißt über Ihr Handeln nachdenken.

Weniger Denken führt zu mehr Treffern

Prof. Beckmann kam nun zu dem Schluss, dass vor allem diejenigen Schützen erfolgreicher waren, die weniger über ihre Entscheidung nachdenken, quasi also einfach zum Elfmeterpunkt gehen und den Ball ohne viel nachzugrübeln ins Tor schießen. Im Gegensatz dazu versagten die Sportler, die anstehende Entscheidungen viel und gründlich überdenken. Zwar war der Unterschied zwischen beiden Gruppen nicht überwältigend, aber eine Tendenz war zweifelsfrei zu erkennen.

Die Wissenschaftler untersuchten nun die Gehirnströme mit Hilfe des EEG (Elektro-Enzephalo-Graphie). Hier konnte nun festgestellt werden, dass bei den Schützen, die eher intuitiv handelten, beide Gehirnhälften gleich aktiv waren, während bei den „Grüblern“ die rechte Gehirnhälfte blockiert war, also nicht aktiv war.

„Wir sehen eine deutliche Zunahme von Aktivitäten und zwar in der linken Hirnhälfte. Also im Bereich der motorischen Zentren, aber das Interessante ist, das hier die Sprache ins Spiel kommt und das sehen wir noch deutlicher, wenn wir unterscheiden, Leute, die treffen in Drucksituationen und Leute, die nicht treffen. Wir können also davon ausgehen, dass diese Person sehr stark mit sprachlichen Gedanken, Technikgedanken befasst war und dass das zu einer Störung der Bewegungsführung geführt hat“, so Beckmann gegenüber Radio Berlin Brandenburg.

Linke Hand zur Faust ballen, rechte Hand locker lassen

Die Hypothese der Forscher war nun, man müsse einfach die rechte Gehirnhälfte aktivieren, damit die „Grübler“ eher spontan entscheiden und nicht so viel über ihr Handeln und die Konsequenzen nachdenken. Denn die rechte Gehirnhälfte ist weniger analytisch und regelt die Dinge ganzheitlich.

Darum sollten nun die schlechteren Elfmeterschützen einen Tennisball in die linke Hand nehmen und diesen fest drücken. Durch die Überkreuzkoordination des Gehirns – die rechte Gehirnhälfte steuert die linke Körperhälfte und umgekehrt – sollte dadurch die rechte Gehirnhälfte aktiviert werden. Die Messungen des EEG bestätigte diese Vermutung, in der rechten Gehirnhälfte waren nun auch Aktivitäten zu sehen.

Die „Grübler“ schossen also nun ihre Elfmeter, während sie in der linken Hand einen Tennisball drückten, während die rechte Hand locker blieb. Und tatsächlich, die Trefferquote ging nach oben. Leider sind die Ergebnisse dieser Studie noch viel zu unsicher, denn die Testgruppe war mit 20 Probanden zu klein, zusätzlich waren die Unterschiede in der Trefferquote zu gering, als dass die Ergebnisse repräsentativ wären.

Deutsche Spitzenläuferin profitiert von Ergebnis

Nichtsdestotrotz geben die Ergebnisse erste Hinweise darauf, wie man Menschen, die zu viel über ihre eigenes Tun nachdenken, behandeln kann. So wandte sich die deutsche Spitzenläuferin Kathleen Friedrich an Prof. Beckmann. Die 800m- und 1.500m-Läuferin des SC Potsdam hatte keine Freude mehr am Laufen, hatte regelrecht Angst vor Wettkämpfen. Also sagte Prof. Beckmann – der bis 2006 an der Universität Potsdam lehrte - der Potsdamerin, dass sie während ihrer Rennen die linke Hand zur Faust ballen und die rechte Hand locker lassen solle. Seit diesem Ratschlag ging es mit Friedrich wieder bergauf und die Leistungen wurden besser. Sogar auf ihrer Autogrammkarte ist zu erkennen, dass sie die linke Hand zur Faust ballt und die rechts Hand locker lässt.


Die linke Hand ist zur Faust geballt